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eGovernment im internationalen Umfeld

Tagungsbericht

Der Erfahrungsaustausch ist gerade in der noch jungen Disziplin des eGovernment besonders wichtig. In den letzten drei Jahren haben sich im internationalen Umfeld zwei wissenschaftliche Konferenzen zu diesem Thema etablieren können. In USA, an der knapp viertägigen Hawaii International Conference on System Sciences (HICSS) findet eGovernment seit 2001 schrittweise mehr Raum, in Europa konzentriert sich seit 2002 die ganzwöchige International Conference on Electronic Government (EGOV) ausschliesslich auf eGovernment. Das Institut für Wirtschaft und Verwaltung (IWV) wirkt bei beiden Konferenzen aktiv mit.

Europäisches eGovernment:
EGOV 2003, 1.-5.9.03, Prag (CZ)

Das frühherbstliche Prag zeigte sich nicht nur zur Begrüssung der Konferenzteilnehmenden von einer sonnigen Seite. Die Ausstrahlung dieser aufstrebenden Stadt und Konferenzmetropole Europas war geradezu sinnbildlich für die zweite Durchführung der EGOV. Das Programm dieser fünftägigen Konferenz mit 96 Beiträgen von 119 Autoren war dicht gedrängt, das kulturell geprägte Rahmen- bzw. Abendprogramm bot zusätzliche Gelegenheiten zum Erfahrungsaustausch.

Klaus Lenk leitete mit seinem Eröffnungsreferat viele der später folgenden Diskussion ein; er postulierte, dass die Veränderungen in der Verwaltung und deren Führung zukünftig nicht mehr primär getrieben sein sollen durch die Möglichkeiten der Informations- und Kommunikationstechnologien an sich, sondern durch neue, gemeinsame Vorstellungen und Modelle davon, wie die Verwaltung ihre Aufgaben zukünftig erfüllen, wie sie geführt und gesteuert werden soll. Er stellte die Prozessorientierung ins Zentrum als operative Basis einer kollaborativen und wissensintensiven Organisation.

Diskussionen im Rahmen internationaler Konferenzen mit Teilnehmenden aus 31 Ländern machen deutlich, wie schwierig es ist, solche gemeinsame Vorstellungen zu entwickeln bei regional oder gar lokal unterschiedlichen Grundkonzepten. Ralf Klischewski illustrierte in seinem Eröffnungsreferat derartige semantische Probleme und zeigte nötige Schritte auf sowohl zur Förderung des «Semantic Web for E-Government» als auch zur Sicherung der zukünftigen Interoperabilität von behördenübergreifenden Anwendungen.

Verschiedene Beiträge betonten denn auch die Bedeutung von Portalen zur Integration derartiger Anwendungen. Heute leiten Portale hauptsächlich die Benutzer hin zu gesuchten Informationen. In Zukunft werden sie vermutlich die Drehscheibe behördenübergreifender Prozesse sein und als solche nicht nur Menschen sondern auch Anwendungen miteinander verbinden.

Auch betriebswirtschaftliche Fragestellungen wurden unter den Rahmenbedingungen des öffentlichen Sektors diskutiert. So ist z.B. Jochen Scholl der klassischen make-or-buy Entscheidung bei der Entwicklung von eGovernment-Anwendungen nachgegangen und präsentierte Untersuchungen über das Portfoliomanagement in der Verwaltung.

Wie die Beiträge von Monica Palmirani und Carlo Batini zeigten, wird in Italien eine Technologie für den portalbasierten Zugang zu Rechtsgrundlagen verwendet, die der vom IWV für den Guichet Virtuel (www.ch.ch) entwickelten URN:Technologie sehr ähnlich ist. Dokumente erhalten damit einen eindeutigen, von der aktuellen Speicheradresse (z.B. URL) unabhängigen Namen und können anhand eines zentralen Registers jederzeit von den verteilten Quellen abgerufen werden. Diese und zahlreiche weitere Tagungsbeiträge sind dem Tagungsband zu entnehmen und lassen die thematische Breite dieser faszinierenden Konferenz erkennen. Die EGOV 2004 wird vom 30. August bis 3. September in Zaragoza, Spanien, stattfinden.


Traunmüller, Roland (Ed.): ElectronicGovernment,
Second International Conference EGOV 2003
Prague, Czech Republic, September 2003, Proceedings.
Lecture Notes in Computer Science LNCS 2739
Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2003
ISBN 3-540-40485-2.

Amerikanisches eGovernment: HICSS 2004
5.-8.1.04, Hawaii

Die HICSS ist eine der grössten wissenschaftlichen Konferenzen in Nordamerika mit einem relativ hohen Anteil internationaler Teilnehmenden und findet in einer besonders attraktiven Umgebung statt. Jeweils in der ersten Januar-Woche treffen sich auf einer der hawaiianischen Inseln rund sechs Flugstunden oder 4'000km östlich von Los Angeles entfernt mehr als 600 Forscher. Während Europa in diesen Wochen zuweilen den ersten Schnee begrüsst, darf man sich mitten im Pazifik in lockerer Sommerkleidung bei angenehm warmen Temperaturen dem Erfahrungsaustausch in Seminaren und Vorträgen widmen. Das Ambiente wie auch das Rahmenprogramm fördern den Kontakt unter den Teilnehmenden und für so manches Forschungsprojekt liegen dort seine Wurzeln.

Das IWV konnte im Jahr 2001 das Thema eGovernment in diese Konferenz als so genannter Minitrack einbringen. Mit sechs ausgewählten Beiträgen startete der «Minitrack E-Government» im übergeordneten Track «Emerging Technologies». In den nachfolgenden Jahren konnte die Zahl der Beiträge und damit auch die Anzahl der Minitracks zum Thema eGovernment stetig ausgebaut werden. Mittlerweile hat eGovernment den Status eines Themen-Clusters auf dem Weg zum eigenständigen Konferenz-Track (vermutlich ab 2006) erreicht.

In diesem Jahr war das IWV doppelt aktiv. Mit Heide Brücher (Leitern des CC eGovernment), die seit zwei Jahren für den «Minitrack E-Government Services» mitverantwortlich ist und mit einem Beitrag von Dieter Spahni zum Thema «Managing Access to Distributed Resources» im Minitrack «Enterprise Content Management and XML».

Das Thema eGovernment wird an der HICSS durch die eher technologieorientierte Ausrichtung der Konferenz anders betrachtet als an der EGOV. Die Informations- und Kommunikationstechnologien spielen an der HICSS nach wie vor die Rolle der Triebfeder von Veränderungsprozessen und sind Ausgangspunkt vieler Konferenzbeiträge.

Im Minitrack «Electronic Democracy» war deshalb die Präsentation eines Frameworks über verschiedene Aspekte der Partizipation der Bürger in demokratischen Prozessen und prozedurale Aspekte deren Sicherheit geradezu erfrischend neben den klassischen Fragen zur digitalen Signatur und der flächendeckenden Verfügbarkeit von Breitbandanschlüssen.
Das thematische Spektrum im Minitrack «E-Government Services» reichte von Systemarchitekturen für sichere, sich im Schadenfall selbst reparierende Systeme bis hin zu sozialen Auswirkungen vom Staat neu oder anders angebotener Leistungen.
Die Hintergründe des Vertrauens in die staatliche Leistungserbringung war ein Diskussionsthema im Minitrack «E-Government Management». Weiter wurden z.B. auch Aspekte in der Entwicklung von Anwendungen für das Semantic Web untersucht.
Im angelsächsischen Raum geniessen Fragen der politischen Steuerung und Governance im öffentlichen Sektor einen grösseren Stellenwert innerhalb des eGovernments als in der Schweiz. Ihnen allein war denn auch der ganze Minitrack «ePolicy» gewidmet.

Insgesamt 24 wissenschaftliche Beiträge wurden in den vier erwähnten Minitracks präsentiert. Alle Beiträge sind – und das ist für eine Konferenz dieser Form eher unüblich – kostenfrei online als Volltext abrufbar.

Der eGovernment-Cluster der HICSS stellt für Nordamerika inzwischen mit 24 Autoren die grösste wissenschaftliche eGovernment-Konferenz. Gegenüber der EGOV erscheint diese Konferenz noch bescheiden (vgl. Tabelle) und das vom IWV im Jahr 2000 lancierte «Schweizer eGovernment Symposium» präsentiert jeweils ähnlich viele Beiträge aus Forschung und Praxis.

An der nächsten HICSS im Januar 2005 werden fünf Minitracks das Themenfeld rund um eGovernment abdecken. Neu wird sich ein Minitrack speziell der Technologie und Infrastruktur sowie der Interoperabilität von eGovernment-Anwendungen widmen. Die HICSS wird damit ihre Position als bemerkenswerte Konferenz weiter ausbauen.

 


CD-ROM / Abstracts Book:
394 pages / 500+ abstracts, 8 ½" x 11" Softcover
ISBN 0-7695-2056-1, January 2004